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Der Sau-Loisl

von Gertraud Schubert

Hinter dem Dorf wird das Tal ganz eng. Nur noch eine schmale Straße zieht sich neben dem Bach hin, links und rechts steigt der Wald die Hänge hinan. Dann kommt eine Stelle, da weitet sich das Tal noch einmal und dort steht die Reuth-Mühle. Heute ist sie nur noch eine Ansammlung von verfallenden Gebäuden. Das Radhaus ist eingestürzt, die Schaufeln des Mühlrades liegen auf einem Haufen neben der Wand aus rohem Stein mit dem Loch, in dem es hing. Seit Jahren bringt kein Bauer mehr Getreide zum Mahlen. Sie bauen nur noch Grünfutter und Silomais an. Das Mehl für Dampfnudeln und Schmarrn und Auszogne kaufen sie im Supermarkt.
Hinter der Mühle wühlen Schweine im Dreck. Der Lois, der Sohn des letzten Müllers, holt mit seinem alten Traktor in verrosteten Milchkannen Futter für sie, Küchenabfälle aus dem großen Hotel, dem Sporthotel Sonnenbichl, auf der anderen Seite des Berges: Knödel und Pommes frites, halbgegessene Schnitzel, Kotelettknochen mit Sauce, zerkochte Bohnen, zerflossenes Eis. Die Schweine gedeihen. Aber keiner will sie kaufen. Im Dorf gibt es keinen Metzger mehr. Die Metzger in der nahen Stadt schlachten nicht, sondern kaufen das Fleisch bei Südfleisch. Und Südfleisch will seine Schweine nicht: sie sind zu fett. Lois möge doch bitte die neue Rasse nehmen, die mit zwei Rippen und damit vier Koteletts mehr. Außerdem hätte der Viehtransporter dort hinten keine Möglichkeit zum Wenden.

Der Seeberger Sepp hatte drei Rehe geschossen und brachte sie zum Hotel. Er fuhr mit seinem Transit bis vor die Küche und der junge Pole, der dort aushalf, schleppte sie ins Kühlhaus. Sepp ging in die Gaststube, lupfte kurz den Hut und setzte sich an einen freien Tisch neben der Schenke. Die Stube war mit hellem Holz getäfelt. Große Fenster und davor eine Terrasse mit Blick übers Land. Alle Tische weiß gedeckt, dezente klassische Musik.Der Koch setzte sich kurz zu ihm. Die Kellnerin brachte ihnen zwei Gläser Bier. Sie stießen an.
„Dein Küchenmadl“, sagte Sepp, „das rumänische, das ist jetzt beim Lois unten.“
Der Koch wischte sich die Hände am Handtuch ab, das in seinem Bund steckte.
„Sie hilft ihm“, setzte Sepp hinzu. „Er schlachtet. Sie macht Wurst.“
„Ich kann über sie nichts schlechtes sagen“, meinte der Koch, „fleißig, ordentlich, versteht aber nicht, was man sagt.“
„Vielleicht bringt sie beim Lois a bisserl a Ordnung und Sauberkeit hinein.“
„Ihr Visum gilt nicht mehr lange. Zum Wohlsein“, sie stießen noch einmal an.
Küchenhilfe, Zimmermädchen, Putzfrau, aus Polen, Rumänien, der Ukraine, aus Tschechien, kamen mit einem Touristenvisum ins Land und arbeiteten schwarz. Wenn das Visum abgelaufen war, fuhren sie zurück. Im Herbst sah man noch eine beim Lois. Saß mit ihm auf dem Traktor, half ihm Fallobst aufrechen in den alten Obstgärten, um die sich niemand mehr kümmerte. Half ihm Holz machen, wischte den Boden, wusch die Wäsche und hängte sie auf Leinen, die sie quer über den Hof spannte.
Im Januar machte die Dorfwirtschaft zu. Nun mussten die Bauern ihren Stammtisch ins Hotel verlegen. Der Wirt duldete sie, weil sie Folklore bedeuteten. Er ließ ein Schild über den Tisch hängen mit der Aufschrift: „Da hockan de wo allweil da hockan.“ Auf dem Tsisch lag keine Tischdecke. Die Feriengäste fanden das sehr originiell.
Den Lois ließ er nicht in die Gaststube. Er bekam ein Glas Bier, wenn er die Küchenabfälle holte, draußen beim Traktor. Sein altes dreckiges blaues Arbeitsgewand, der speckige Hut, die Gummistiefel – das war zu viel Folklore. Dem Lois machte es nichts aus. Er unterhielt sich mit dem tschechischen Zimmermädchen. Eines Abends holte sie ihre Sachen und fuhr mit Lois auf dem Traktor weg.

Ein Bauer nach dem anderen gab die Milchwirtschaft auf. Die Ställe und Stadel wurden zu Ferienwohnungen ausgebaut. Die Männer fuhren nach Dingolfing oder Straubing zum Arbeiten. Eine Familie aus der Stadt kaufte den ältesten Bauernhof des Dorfes, renovierte ihn und zog ein. Nicht als Feriendomizil sondern auf Dauer. Sie brachten Unruhe ins Dorf und an den Stammtisch.
„Der Reuthbach ist eine stinkende Brühe, hamms gsagt.“
„Ja mei, der Lois, der hat halt Säu, die machen Dreck.“
„Sei woin se beschwern, weil a ois in Bach einehaut.“
„Das ist er so gewohnt. Das ham mir frühers auch so gmacht.“
„Und d’ Fliang! D’Fliang san eahna zvui.”
„Omei, wia mia nu alle Säu ghabt ham, da hats erst Fliang gem!”
„Mia soin mim Lois redn, valangans. Redst du mit eahm ? I ned!“
„Na, i aa ned.“
Der Lois stand draußen und lud Küchenabfälle auf. Kratzte sich den Bauch. Trank sein Bier. Das ukrainische Küchenmädchen stieg zu ihm auf den Traktor und fuhr mit ihm weg.

Es müssen die Neuen gewesen sein: Eines Tages kamen zwei Männer vom Landratsamt, Gesundheit oder Wasserwirtschaft oder Umwelt, solche halt. Fuhren zur Mühle. Der Lois zerlegte gerade ein Sau mit der Motorsäge. Er stellte sie ab, schob den Hut zurück und sagte, sie hätten hier nichts zu suchen.
„Sie müssen die Fleischbeschau machen lassen.“
„Warum? Iss ja bloß i, des Fleisch. Vakaaf ja nix.“
Die Woche drauf kamen sie wieder. Der Lois war nicht da, war oben am Hotel, Küchenabfälle holen, trank noch ein Bier auf seinem Traktor, stapfte in die Gaststube und wollte noch eins haben. Währenddessen stiefelten die Beamten, begleitet von zwei Polizisten durch seine Mühle. Schauten in den Saukoben. Da lagen die Knochen von ihrem Artgenossen und noch einiges mehr. Hielten sich die Nase zu, weil es so stank, wedelten mit der Hand die Fliegen weg. Beschlossen, ihm ein Bußgeld aufzudrücken. Das kann der doch nie bezahlen. Der hat doch kein Geld. Wo sollte er es herhaben. „Drei Mahnungen und wir holen ihn.“
Aber der Lois fuhr aufs Amt, mit dem Traktor, und zahlte das Geld an der Kasse ein, ohne das Gesicht zu verziehen. Zog sogar seinen Hut und sagte: „Recht so?“

Dann kamen Vitali und Viktor ins Hotel. Zeigten das Bild eines Mädchens herum und fragten, ob sie jemand gesehen hatte. Natürlich erkannte der Koch sein ehemaliges Küchenmädchen wieder. Aber er sagte „Nein, nie gesehen“. Sie gingen im Dorf herum und fragten. Niemand hatte sie gesehen. Aber natürlich die Neuen, denen fiel ein, dass sie mit dem Lois auf dem Traktor gefahren war. Eine rote Jacke hatte sie angehabt.
Die beiden Männer nickten: „Das ist Anna, Schwäster von Vitali und Viktor.“ Dann gingen sie zur Mühle.

Am Abend klingelten sie an dem Haus neben der Kirche. Sie würden gerne in der Kirche beten. Der eine der beiden hatte eine schmutzige rote Strickjacke unter dem Arm.
Die alte Liesl war misstrauisch. Womöglich wollten die beiden nur die Statue der Mutter Gottes von Lourdes stehlen. Deswegen ließ sie sie nur in den Vorraum. Die beiden beteten aber wirklich, schlugen viele Kreuzzeichen. Sie hielten Liesl einen 50 Euro-Schein hin: „Du Kärzen kaufen und Mässe lesen, jeden Tag Kärze zünden für Anna-Schwäster.“ Dann schüttelten sie ihr noch die Hand und gingen los, hinaus aus dem Dorf, hinauf zur Hauptstraße.

Zwei Wochen drauf brachen die Schweine aus. Die morschen Zaunpfosten hatten nachgegeben. Sie rannten in den Wald. Der Seehofer Sepp machte kurzen Prozess und erschoss sie. Die anderen kamen, halfen ausnehmen und zerlegen. Das Dorf roch nach Schweinsbraten und Schnitzel. Was nicht gegessen werden konnte, wanderte in die Tiefkühltruhe.
Es müssen die Neuen gewesen sein. Irgendwie hatten sie es mitbekommen. Sie riefen die Polizei.
Im Saukoben fanden sie den Lois, oder vielmehr was die Schweine von ihm noch übrig gelassen hatten. Sie fanden noch mehr menschliche Überreste, von mindestens fünf verschiedenen Personen, vermutlich Frauen. Da waren die Schweine schon aufgegessen. Diejenigen, die noch Fleisch in der Tiefkühltruhe hatten, warfen es in den Müll.



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